Andacht am 19.02.2010, Vikarin Görderer

Nur ein Stück Brot

Als der alte Arzt – sein Name tut nichts zur Sache - gestorben war, gingen seine drei Söhne daran, das Erbe ihres Vaters getreu seinem letzten Willen unter sich zu verteilen. Da waren alte, noch handgeschnitzte Eichenmöbel, schwere Teppiche, kostbare Gemälde. Und dann war da noch eine Vitrine, ein schmaler, hoher Glasschrank mit vergoldeten Füßen und geschliffenen Scheiben. In diesem Schrank waren Erinnerungsstücke aufbewahrt. Behutsam wurde Stück um Stück herausgenommen. Als die Brüder das unterste Fach öffneten, stutzten sie. In grauem Seidenpapier eingewickelt, lag da ein ziemlich großes, hartes Stück. Was kam zum Vorschein? - Ein steinhart gewordenes halbes Brot!
Die alte Haushälterin erzählte den erstaunten Söhnen die Geschichte dieses Brotes: In der schweren Notzeit nach dem Ersten Weltkrieg war der alte Herr einmal schwer krank gewesen. Zu der Erkrankung war ein allgemeiner Erschöpfungszustand getreten, so daß die behandelnden Ärzte etwas von kräftiger Nahrung murmelten und dann entmutigt die Achseln zuckten. Gerade in jener kritischen Zeit hatte ein Bekannter ein halbes Brot geschickt.

So sehr sich der Professor auch über diese Gabe freute, aß er sie doch nicht. Er wußte, daß im Nachbarhaus die Tochter des Lehrers krank war und Hunger litt. Er sagte damals: "Was liegt schon an mir altem Mann, das junge Leben dort braucht es nötiger", und so mußte die Haushälterin das halbe Brot den Lehrersleuten bringen. Doch auch die Lehrersfrau wollte das Brot nicht behalten, sondern gab es an eine alte Witwe weiter, die in einer Dachkammer ein Notquartier gefunden hatte. Aber auch damit war die seltsame Reise des Brotes noch nicht zu Ende. Die Alte trug es zu ihrer Tochter, die nicht weit von ihr mit ihren beiden Kindern in einer Kellerwohnung Zuflucht gefunden hatte.

Diese Tochter wiederum erinnerte sich daran, daß ein paar Häuser weiter der Arzt krank war, der eines ihrer Kinder kürzlich bei schwerer Krankheit behandelt hatte, ohne etwas dafür zu verlangen. Sie nahm das halbe Brot unter den Arm und ging damit zur Wohnung des Doktors.

Wir haben es sogleich wiedererkannt, erzählte die Haushälterin. Und weiter sagt sie: „Als der Herr Professor das Stück Brot wieder in den Händen hielt und von dessen Wanderung hörte, war er tief bewegt und sagte: "Solange noch diese Liebe unter uns ist, habe ich keine Furcht um uns." Das Brot hat er nicht gegessen. Vielmehr sagte er zu mir: "Wir wollen es gut aufheben, und wenn wir einmal ängstlich und müde werden wollen, dann müssen wir es anschauen."
Als die Haushälterin geendet hatte, schwiegen die drei Brüder lange Zeit. Endlich sagte der älteste: "Ich denke, wir sollten das Brot unter uns aufteilen. Jeder mag ein Stück davon aufbewahren zum Andenken an unseren Vater und zur Erinnerung an jene verborgene Kraft, die den Menschen auch in der bittersten Not nicht verläßt."

 

nach: Günther Schulze-Wegener, in: Evangelische Kinderkirche 3/82. S. 257, Verlag Junge Gemeinde, Stuttgart.