Die Kirche ist zu?!

Kennen Sie die Geschichte, in welcher der liebe Gott in seiner eigenen Kirche eingeschlossen wurde, von seinem eigenen Bodenpersonal?
Das Bodenpersonal konnte eigentlich gar nichts dafür, sagt der liebe Gott.
Und dann erzählte er mir – und damit jetzt auch Ihnen - die ganze, lange Geschichte:

Der liebe Gott war in die Kirche gegangen. Die Kirche war weit offen – vielmehr, die Türen standen weit offen.
"Was?" habe ich den lieben Gott gefragt (ich musste ihn einfach unterbrechen!), "die Türen der Kirche waren offen?? Die meisten Kirchen sind doch außerhalb des Gottesdienstes immer zu. Verriegelt, vernagelt! Da fehlt nur noch ein Schild an der Türe: Wir geben nichts!"

Fragen Sie sich eigentlich auch, warum so viele Kirchen die meiste Zeit geschlossen sind? Haben die denn Angst, dass ihnen jemand den Pfarrer oder die Pfarrerin klaut? Dass jemand eine Kirchenbank mopst? Oder gleich die ganze Kirche mitgehen lässt?
So viele Kostbarkeiten haben wir doch gar nicht. In unseren Kirchen ist doch nicht viel zu holen. Vielleicht noch ein Gesangbuch, aber das wäre ja gut, wenn einer keines hat...

Ich schweife ab - zurück zu unserer Geschichte. Der liebe Gott konnte zwar rein in die Kirche, aber er kam nicht mehr raus! Eingeschlossen!
Er hat geklopft, getrommelt und gepfiffen: nichts.
Kein Pfarrer, keine Pfarrerin, weder Mesner noch Mesnerin haben ihn gehört.

"Lieber Gott", habe ich gesagt (ich musste ihn schon wieder unterbrechen), "du hättest doch eines von deinen Zeichen und Wundern tun können."
Das hätte er sich auch überlegt, antwortete mir der liebe Gott. Aber das wäre nicht mehr objektiv gewesen. Außerdem sage Jesus ihm immer, er solle mit seinen Zeichen und Wundern sparsam umgehen. Und sie vor allem nicht für sich selbst verbrauchen!

Also hat sich der liebe Gott damit abgefunden, dass er in seiner eigenen Kirche eingeschlossen war. Er hat sich auf eine Bank gelegt, die Stille genossen und ist irgendwann eingeschlafen.

Und hätte der Mesner nicht am nächsten Morgen mit ein paar Gemeindegliedern, dem Pfarrer und der Pfarrerin das Gemeindefest vorbereitet, dann hätte der liebe Gott mindestens bis zum nächsten Gottesdienst dort durchgeschlafen.

"Nein, also wirklich!" legten die Leute gleich los, als sie den lieben Gott schlafend auf der Kirchenbank fanden, "Wo gibt's denn so etwas?! Penner können wir hier nicht brauchen, und Junkies schon gar nicht! Auch die, die nur rum schnorren möchten, haben hier nichts zu suchen...  wo kämen wir denn da hin? Nix da – raus!"

Der liebe Gott entschuldigte sich, verbeugte sich ein paar Mal und zog sich auf Zehenspitzen, fast leicht tänzelnd, zurück.
Und dann entschloss er sich doch, eines seiner Wunder zu tun. Das eifrige Vorbereitungsteam des Gemeindefestes war plötzlich eingeschlossen. Ohne Schlüssel! Sie kamen einfach nicht mehr aus der Kirche heraus. Und es dauerte lange, bis ihr Rufen und Klopfen gehört wurde. Schließlich musste neben dem Schlüsseldienst auch noch die Feuerwehr anrücken, denn die Alarmanlage ging los...

 

Seit dieser Zeit steht die Kirche offen. Und es tummeln sich viele verschiedene Menschen dort: Obdachlose und die ganz Vornehmen, Landstreicher und Familienfrauen mit ihren Kindern, Schnorrer, Jugendliche, gestresste Angestellte und viele, viele andere.

Ja, und dann ist noch etwas passiert. Denn seitdem der liebe Gott in seiner eigenen Kirche eingeschlossen wurde und wiederum die anderen eingeschlossen hat, seitdem gibt es hier und da Vesperkirchen.

Der liebe Gott hat seine Freude daran.

Denn er liebt die, die mit anpacken und offen sind. Die in einer kälter und unwirtlich werdenden Gesellschaft auf besondere Weise ein Zeichen setzten wollen. Die nicht zu allem Ja und Amen sagen, sondern miteinander für Leib und Seele sorgen wollen. 

Und, das verrate ich Ihnen jetzt im Vertrauen, an manchen Tagen der Vesperkirche ist der liebe Gott auch mitten unter den Gästen, sitzt mit ihnen am Tisch, schwatzt und lacht mit seinen Tischgenossen…

Sie kommen doch auch zur Vesperkirche - wer weiß, vielleicht sitzt der liebe Gott ja mit Ihnen am Tisch...?!



frei nach Hanns-Dieter Hüsch